Rezension

Rezension: Wladimir Kaminer - Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen

Wladimir Kaminer gibt in diesem höchst amüsanten Buch einen Überblick über gesellschaftliche Stände und Missstände im Großstadtleben Berlins. Neben 33 schrägen Kurzgeschichten werden zudem touristische Tipps der etwas anderen Art geboten.

Wussten Sie, warum der Postmann in Berlin immer zweimal klingelt? Wie es um die kleinste Minderheit in Berlin steht? Oder warum Malewitsch lacht? Ein Nichtberliner und Exilrusse gibt Antworten, indem er die Stadt, das Leben und die Besonderheiten Berlins mit einer dezenten Außenansicht auf die Schaufel nimmt. Als kühner Beobachter am Rande versteht es Kaminer, Absurditäten und Banalitäten des Alltagslebens gleichermaßen zu parodieren und diese mit Geschichten und Erlebnissen auszuschmücken. Am Ende jedes Kurzkapitels werden die LeserInnen mit Tipps verwöhnt, welche das Buch neben einer witzigen Lektüre zu einem ungewöhnlichen Reiseführer umfunktionieren und einen Besuch schmackhaft machen.
Diese Buch sei jedoch nicht unbedingt nur Reisefreudigen empfohlen (Wenn Sie z.B. etwas über die Geschichte des Brandenburger Tors wissen wollen, sollten Sie eher herkömmliche Reiseführer zu Rate ziehen), sondern bietet generell eine unterhaltsame Lektüre über die kleinen und großen Geschichten des Alltags. Mit Lachgarantie.

Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen von Wladimir Kaminer, 252 Seiten, Goldmann Verlag 2007.

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Rezension: Ursprung Buam – Hitmix (Nonstop)

„Gemma gemma“ – oftmals zu hörende Aufforderung und symptomatisch für dieses großartige Album, das bekannte Hits der Ursprung Buam in völlig neuem Gewand in die Ohren und die Beine der überwältigten Hörer schießen lässt! Das neuartige Konzept der Adaptierung alter traditioneller Musik in zeitgemäßer Form, auch unter Verwendung moder­ner Stilmittel (drumcomputer) geht voll auf! „Aufgeigt weacht“ und wer da ruhig sitzen bleiben kann, der hat „ka Schneid“! Ab dem ersten Ton ist klar, hier kommt „a Riesenstimmung aus dem Zillertal“ daher und wird so bald nicht aufhören, wofür das scheinbar gewagte Nonstop-Konzept garantiert, das jedoch erstaunlich gut funktioniert und keinen Durchhänger zulässt. Charismatische Stimmen, schneidige Melodien und inspirierte Texte machen dieses Al­bum der Ursprung Buam zu einem einzig­artigen Erlebnis. Ein garantierter „Kracher“ für jede Party, der auch Leute, die sich „so was“ normal nicht anhören, be­geis­tern wird. „Auf geht’s Buam, gemma, gemma!“ Dem ist nichts hinzuzufügen ...

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Rezension: Thank you for Smoking

Der Lobbyist Nick Naylor hat es nicht leicht. Allein auf wei­ter Flur muss er die Tabakindustrie ge­gen Ge­sund­heits­­­or­ga­­nisationen, besorgte Mütter und Se­­na­toren, die mit an Lun­­genkrebs erkrankten Kin­dern „be­waffnet“ in Talk­shows antreten, be­schützen.
Doch mit „moralischer Flexibilität“ von Na­­tur aus ausgestattet, sind selbst solche Schwierigkeiten leicht zu bewältigen. Und wenn es mal wirklich hart auf hart geht, kann Nick noch seelischen Beistand bei seinen Freunden vom „MOD-Squad“ (Merchants Of Death) – ihres Zeichens Beauftragte der Alkohol- und Waffenindustrie – suchen.
Es ist bemerkenswert, dass in einem ein­einhalbstündigen Film, in dem sich pausenlos alles ums Rauchen dreht, keiner der Darsteller je auf die Idee kommen würde, selbst nach einem „Vitaminstangerl“ zu greifen.
Der Regisseur schafft es, selbst bei den Nichtrauchern unter den Zusehern Ver­ständnis und sogar Mitgefühl für die arme, von allen Seiten verteufelte Tabakindustrie aufkommen zu lassen. Es klingt ja auch wir­klich plausibel, dass diese um die Gesundheit ihrer Kunden sehr besorgt ist, da tote Rau­cher bekanntlich keine kaufkräftigen Kon­sumenten mehr sind.
In einer Zeit, in der die Behandlung „ernster“ Themen oft in Moralisierungen ausartet, ist Thank You For Smoking eine erfrischende Ausnahme. Nicht durch endlose Belehrungen, sondern durch witzige und schlagfertige Dia­loge wird gezeigt, wie sehr man durch gute Rhetorik Menschen beeinflussen kann.
Was wir aus diesem Film gelernt haben: Wer raucht, wird erschossen; nur Gangstern, Psychopathen und rückständigen Europäern sei dieses Laster zurzeit noch vergönnt.
Für diese Leistung erhält Thank You For Smoking 4 von 5 Bagger-Tschik. al&ez

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Rezension: Smoke und Blue in the Face – Welcome to Planet Brooklyn

Schriftsteller Paul Auster, bekannt für seine literarischen Verwirrspiele (Stadt aus Glas, Buch der Illusionen etc.), und Regisseur Wayne Wang haben sich 1995 zusammengetan, um zwei Filme über einen Tabakladen, vor allem aber über den New Yorker Stadtteil Brooklyn zu machen.

Auggie Wren (Harvey Keitel) ist Verkäufer in einem kleinen Kiosk in Brooklyn. Smoke erzählt Geschichten von ihm und seinen Kunden und Freunden. Da gibt es den Schriftsteller Paul Benjamin (William Hurt), der versucht, den Tod seiner Frau zu überwinden, oder den gewitzten Jugendlichen Rashid Cole (Harold Perrineau Jr.) auf der Suche nach seinem Vater. Der Tabakladen ist gleichzeitig sozialer Treffpunkt wie Zentrum bzw. Ausgangspunkt der verschiedenen Erzählstränge.

Meist an Originalschauplätzen gedreht, wird die Handlung in ruhigen Bildern, mit viel Humor und großer Sympathie für jede einzelne Figur erzählt. Es ist ein Film der kleinen Schicksale und nicht der großen Helden, aber durch die zurückhaltende Kamera und das extrem gute Spiel von Schau­spielern wie William Hurt, Harvey Keitel und Forest Whitaker gehen die kleinen, auf den ersten Blick vielleicht unwichtig erscheinenden Episoden dem Zuschauer nahe. Zwischen den unterschiedlichen Episoden werden nicht zu viele unnötige Zusammenhänge konstruiert und es gibt auch am Ende kein außerordentliches Ereignis, welches alle Stränge zusammenführt, wie z.B. in Magnolia. Dafür steht am Schluss eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die traurigschöne Begegnung Auggies mit einer alten, blinden Frau.
Smoke ist ein schönes filmisches Beispiel dafür, wie sich im Kleinen das Große abbilden lässt. Die Episoden rund um den Tabakladen geraten zu einer verschrobenen, nichts beschönigenden Hommage an Brooklyn und seine Charaktere.

In Blue in the Face, eine Art Fortsetzungsfilm zu Smoke, gibt es weitere Szenen in Auggies Tabakladen zu sehen, die in Smoke keinen Platz mehr fanden. Vom beinahe gleichen Team in nur sechs Ta­gen gedreht, unterscheidet sich Blue in the Face atmosphärisch stark von Smoke: Die Situationskomik überwiegt, das Schauspiel ist meist improvisiert, dadurch drehen sich viele Szenen und Gespräche im Kreis, lustvoll wird Small Talk geführt. Außerdem wird mehr geraucht und noch mehr darüber geredet. So erinnert der Film in seiner lakonischen Handlung ein wenig an Coffee & Cigarettes.
Aber das Geschehen bleibt nicht auf den Tabak­laden beschränkt. Manchmal werden Interviews mit „echten“ Bewohnern von Brooklyn, die über sich und ihr Leben in diesem Stadtteil er­zählen, zwischengeschnitten bzw. wird dokumen­ta­risches Material von New York eingeblendet.
Außerdem gibt es einige amüsante Gastauftritte zu sehen: Jim Jarmusch raucht mit Auggie im Tabakladen seine letzte Zigarette und fragt sich, warum alle Nazis in Hollywoodfilmen auf die gleiche Art rauchen, Lou Reed erzählt von seinem Leben in Brooklyn und warum er sich in Schweden fürchten würde, Michael J. Fox ist verrückt und macht ebenso verrückte Umfragen („Schaust du dir deine Scheiße nach dem Kacken an, ja oder nein?“) und Roseanne ist eine unglückliche Ehefrau, die unbedingt nach Las Vegas will.

Besonders im Doppelpack sind die beiden Filme sehr empfehlenswert. Die DVD-Box mit Smoke und Blue in the Face hat aber leider außer der Selbstverständlichkeit des englischen Originaltons kein Zusatzmaterial zu bieten.

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Rezension: Patrik Ouředník – Europeana

Der Autor ist ein gebürtiger Tscheche – mütterlicherseits ein Halbfranzose – und lebt seit 1985 als Schriftsteller und Übersetzer in Paris. In der CSSR arbeitete er als Lager­arbeiter, Briefträger und Sanitäter. Er übersetzte unter anderem Werke von Beckett, Rabelais, Jarry und Queneau ins Tschechische. Sein schmales Bändchen Europeana beschreibt die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ouředník ist ein ironischer Beobachter – versucht ein einziges rele­vantes Ereignis zu finden, das er nicht erwähnt! Er könnte vielen HistorikerInnen einiges beibringen: Er labert nämlich nicht. Keine eigenen Hirngespinste.
Wir erfahren nicht nur die Geschehnisse des Jahrhunderts eins nach dem anderen, sondern auch die verschiedenen Inter­pretationen: „Manche Philosophen sagen ... “ „Andere meinen wiederum ...“ Wir lesen Details über Kriege, die unsere VorfahrInnen geführt haben, über den Ursprung der Barbie­puppe und Fortschritte in der Technologie und Kultur, über Verhütung, über verschwiegene Details wie Zwangssterilisierung der Romafrauen im Ostblock, über den Holocaust und das Holocaustmahnmal in Berlin. Vom Dadaismus bis zur Postmoderne wird alles mit der gleichen Leichtigkeit und krampflosen Ironie beschrieben. Sodass wir denken können: Dieser Schriftsteller ist naiv und infantil.
Ouředník fängt mit den amerikanischen Gefallenen in der Normandie an, die aufgereiht ein Länge von 38 km ergeben würden, und endet mit der Bemerkung, dass jemand das Ende der Geschichte erklärte. Da die Menschen aber davon nichts gehört hätten, machen sie weiter, als ob nichts passiert wäre.
Immerhin wurde er – geboren 1957 – eine lange Zeit seines Lebens von der Unfrei­heit des Ostblocks geprägt; seine Sprache erinnert ein wenig an den „Guter-Soldat-Schweyck“-Autoren Jaroslav Hašek.
Geschichte ist eine tragikomische Angelegenheit, sagt er in einem Interview, sie können bei der Lektüre lachen oder weinen.
Co vám říká slovo romantismus? -- Fujtajxl.

Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahr­hundert von Patrik Ouředník, 160 Seiten, Czernin-Verlag 2003.

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Rezension: Imre von der Heydt – Rauchen Sie?

Rauchen Sie?Die Crux des Rezensionenschreibens ist die Notwendigkeit, das zu rezensierende Objekt – zumindest vom Anspruch her – genauestens unter die Lupe genommen haben zu müssen, um ein adäquates Urteil abgeben zu können. Vor diesem Anspruch versagt diese Rezension ... oder nein, sie deutet einfach im Vorhinein ihr Objekt um – Arbeitstitel: die Rezension eines Covers.

Eine stilisierte Zigarette vor schwarzem Grund – Farbsymbol der geteerten Lunge oder des nichtenden Nichts, zu dem für den Raucher im Angesicht einer Zigarette alles wird – qualmt einsam vor sich hin. Natürlich lebt dieses Cover von den Gegensätzen. Der Titel, dem schon in der lockeren Kursivschrift der Schein der Mündlichkeit zu eigen ist und der wahlweise als legerer Anbaggerspruch oder freundliche Einleitung für nervige Schnorrereien dienen kann, kontrastiert mit dem rationalen Anspruch einer Verteidigungsschrift im Untertitel, die in großen, festen Lettern schnörkellos in die schwarze Wand gemeißelt sich als unum­stöß­liches Manifest geriert. Dieser Rationalität steht allerdings wieder das Objekt der Apologetik ent­gegen: die Leidenschaft, ein Begriff, der die Unhinterfragbarkeit eines zwar persönlichen, aber vitalen Bedürfnisses suggeriert und dem zugleich die Aura erotischer Anziehungskraft anhaftet – die Optik des phallusartigen, leicht nach oben stehenden Lustobjekts (wer`s mag, metaphorisiere noch den Rauch) tut ihr Übriges. Dabei adelt ja schon der Autorenname das Laster – asso­ziiert der Leser doch edle, arrivierte Salon­gesellschaften, den krassen Gegen­satz zum heutigen Paradigma des Zigaret­tenrauchers, des Gossenrauchers, der in seinen Taschen nervös nach einer Zigarette fingert, um seine Sehn-Sucht zu befriedigen. Allerdings dezent zugleich nimmt sich der Autorenname in der Form aus: kleine Schrift in zurückhaltendem Orange-Braun-Dunkelgelb – als tue der Name nichts zur Sache, als sei er nur akzidentiell, als handele es sich bei dem Buch nicht um ein persönliches Statement, sondern, wie der monumentale weiße Untertitel ja schon andeutete um unantastbare Objektivität. Ebenso unaufdringlich wie der Autorenname prä­sentiert sich der Verlag als Fußnote am unteren Rand des Covers. Unterstützt und modifiziert die Art und Weise der visuellen Präsentation je für sich genommen die Informationen in ihrer Bedeutung, so wirkt die Präsentation in ihrer Gesamtheit als eine mehr spielerische Komposition: Die Alternation von Zigarettenfilter- und Zigarettenschaftfarbe in der Y-Achse, die das Farbvorbild der leicht ver­schobenen X-Achse in der Mitte des Covers, die Zigarette, zugleich wiederholt und ironisch bricht, indem es die Kluft zwischen Grafik und Schrift sowie zwischen X- und Y-Achse scheinbar mühelos überbrückt, zeugt zum einen vom Witz und zum anderen von der Komplexität der grafischen Kon­s­truktion.
Polarisierend dürfte das Cover in gestalt­psycho­logischer Hinsicht sein, visualisiert doch die Trichter­förmigkeit, welche von der breitesten ersten Zeile bis hin zur kürzesten letzten Zeile entsteht, je nach Blickwinkel des Rezipienten entweder den sich nach oben hin ausbreitenden Rauch – Sinnbild des Freiheit suchenden Genusses – oder aber den enger werdenden Lebensweg des Rau­chers. Das Cover verspricht also Zündstoff – und zwar nicht unbedingt den, der die Zigarette zum Glühen bringen könnte, sondern vielleicht den, der das feurige Gemüt des militanten Nichtrauchers anheizen könnte.
Hält das Buch, was das Cover verspricht?
Schaun’s doch nach.

Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft von Imre von der Heydt, 255 Seiten, Dumont Literatur und Kunst Verlag 2005.

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Die unerträgliche ersterbende Leichtigkeit des Seins

Eifmans Ballett „Anna Karenina“ reüssiert auf den Brettern der Volksoper Wien

Wien. Mit frenetischem Applaus und fünf Vor­hängen endet eine herausragende Ballett­ins­zenierung. Strahlende Gesichter, Jubel aller­­orten. Olga Esina, die die Anna tanzte, ver­­abschiedet sich mit Tränen – ihre Partner Kirill Kourlaev (Karenin) und Vladimir Shiskov (Wronski) geben sich durch den Erfolg, den die Petersburger seit der Uraufführung 2005 auf russischem Boden, in Amerika und Europa feiern, abgeklärter. David Levi, der sein Orchester souverän führte, trug mit berührenden, die Handlung tragenden Tschaikowskiklängen viel zum genuin russischen Abend bei. Auch Sinowi Margolins reduziertes Bühnenbild tat dem Stück gut, Slawa Okunews kontrastiv klassische Kostümierung war für das Verstehen hilfreich und lenkte die Aufmerksamkeit auf die in den Bewegungen offenbarten Gefühlszustände des Trios. Weite wallende Kleider in elegischen Anna-Szenen, enge schwarze Leibchen für den befangenen Karenin und eine eigenwillig grüne militärische Eleganz für den Verführer Wronski. Gleb Flischtinskis Beleuchtung war gekonnt leitmotivisch und machte das Fehlen der Sprache Tolstois wiederum wett.

Der Wagnischarakter dieser Ballettaufführung muss betont werden. Was in Russland aufgrund einer literarischen Schulkanonik kein Problem zu werden droht, hätte das Publikum auf ferneren Brettern überfordern können: Wer kennt Lew Tolstois „Anna Karenina“ und muss man diesen psychologisch meisterhaften Frauenroman des 19. Jahrhunderts (der in der „Madame Bovary“ eines Flaubert und Fontanes „Effi Briest“ seine nationalen Pendants findet) zum Verstehen der Bühnenhandlung gelesen haben? Die be­ruhigende Antwort lautet: nein. Denn Eifman orientiert sich zwar an der Romanhandlung, macht jedoch mehr aus ihr, als eine textnahe theatrale Bühnenadaption ermöglicht hätte. Ihm gelingt eine physisch nahe gehende Studie über die ewigen Topoi menschlicher Existenz mit den Ausdrucksmitteln der Körper- und Musiksprache.

Wagners Anspruch vom Gesamtkunstwerk kann dem textkundigen Zuschauer eingelöst werden – aber selbst der Tolstoi-Novize spürt den Zauber und die Kraft des zugrunde gelegten Werkes – wo die Sprache aufhört, beginnt eine unerhörte Tiefe des Erlebens.

Die unglücklich verheiratete Mutter Anna zieht ihre Lebensfreude weder aus Karenins ge­­sellschaftlichen Lustbarkeiten noch seinen sexuellen, nur schwer ertragbaren Über­griffen am gefängnisstabartigen Gitterbett – nein, hier erschlafft die gewährende Anna auf der Bühne spürbar und ist dem inneren Tod nah. Wronski versteht sie zu beleben, Sehnsucht nach dem viel Versprechenden dominiert nun ihr Streben. In meisterhafter Bewegung – eines Aus-sich-heraus-gehen-Wollens wird dem Zuschauer im Wechsellicht die begehrende Bezogenheit Annas und Wronskis ausgeleuchtet. Tschaikowskis Musik intensiviert sich zusehends, unkon­trol­lierbar übersteigende Töne begleiten die er­lösende Zusammenkunft.
Karenins Kampf um Anna beginnt. Der ge­sell­schaftshörige Ehe­mann leidet an seinen star­ken Gefühlen für Anna, die er hinter be­leuchtungstechnisch sicht­bar ge­wordenen Git­tern verstecken muss, wenn er auf sie trifft. Annas Gutsein-Wollen wird merklich, doch ein ihr Weisung gebendes Erschlaffen verunmöglicht eine Ehe um des Kindes willen. Karenin entzieht ihr den ge­liebten Sohn, sie ist aus dem in ein hartes Quadrat mutierenden Lichtkreis der Familie ausgestoßen, steht nun trauernd bei Schneefall im Unheil kün­denden Kreis der Spiel­zeugeisenbahn. Bis sie vom Zuge erfasst und ihr Leben ausgelöscht wird, vergeht frei­lich noch eine un­gespürte Stun­de … Bälle in Italien mit venezianisch Mas­kier­ten, Wronski als Portraitmaler einer Muse Anna sind Insignien des nur kurzen Glücks der Entflohenen vor der sehnsuchtsbedingten Rück­­reise nach Russland, um des Kindes willen.
In Russland beginnt Annas „Häu­tung“ unter einem der Guil­­lotine ähn­lichen Tisch – ihr Wahnsinn beginnt. Und gleichsam ändert sich alles: Anna scheint nun nackt, die Töne des Orchesters ersterben, ma­schineller Lärm entsteht, hexen­­sabbatähnliche Atmosphäre vieler sich verschlingender tanzender Lei­ber, bevor der Lichtkegel Rädchen der mit Menschen zu füllenden Maschine zeigt und Bässe und Trompeten dem unmenschlichen Ver­worfensein wieder re­­flektierbaren Halt ge­ben. Wronski eilt her­bei, birgt Anna in seinen Armen und kann sie doch nicht retten, er steht im Lichtquadrat, schluchzend sein Unvermögen begreifend. Anna steigert sich in neuerliche Verwirrungen, aus dem im Inneren stampfenden Getrieben- und Vertriebensein ergibt sich in übergangsloser schreck­licher Konsequenz der Fall ins Leere – für den Tolstoikenner: vor den Zug. Atemberaubt kann der Zuschauer unter dem Nachhall der peitschenden Maschinenmusik des Wahnsinns mit den Anna Umstehenden den Hut ziehen – Gongschläge signalisieren das unwiderrufliche Scheitern ihrer liebenden Existenz. Von dem das Bühnenvolk und die Volksoper noch am 6., 9. und 13. Mai Kenntnis nehmen kann. Und soll. Bravo, bravo, bravo!
Leo

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