#6 - Spiel, Mai 08

SpielSpiel ist das Thema dieser Ausgabe. Aus verschiedensten Gründen.

Erstens aus naheliegenden wie den bevorstehenden Großereignissen wie Fußball-EM und Olympische Spiele, andererseits aus subtileren, die wohl jeder und jede selbst erlesen muss.

Wasserspiele fürs Leben

karusellÜber eine Milliarde Menschen hat heute keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. PlayPumps International versucht bislang erfolgreich dieses und andere Probleme spielerisch zu lösen.

Vor knapp 20 Jahren entdeckte der südafrikanische Werbeunternehmer Trevor Fields auf einem Markt eine Bewässerungspumpe, die durch ein kleines Kinderkarussell angetrieben wurde. Eine hübsche Idee, die er in seinem Kopf weiterentwickelte. Er dachte sich daneben noch einen kleinen Wasserturm, umhüllte diesen mit Plakatwänden, und schloss daran einen Wasserhahn an. Und weil die Idee so bestechend wie einfach war, redete er mit Kollegen darüber, suchte Unterstützung bei verschiedenen Unternehmen und Institutionen, lizenzierte das ursprüngliche Pumpensystem und ließ es weiterentwickeln. Die ersten zwei Systeme konnten schließlich 1994 installiert werden und in den nächsten drei Jahren stieg ihre Anzahl auf 20. Neben der Versorgung der Bevölkerung mit trinkbarem Grundwasser erfüllten die Anlagen auch eine aufklärerische Funktion, denn zwei der vier Plakatwände waren für loveLife, die südafrikanische HIV-Präventionskampagne, reserviert. Finanziert wurde die Errichtung durch Spenden, für die Wartungskosten sorgten die Werbeeinnahmen, der Betrieb wurde durch spielende Kinder gewährleistet. Ein nettes, innovatives Entwicklungshilfeprojekt.

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Ganhar-Perder

Von der brasilianischen Agrarreform

Ich wollte schon immer die Welt retten. Wie macht man das? Ich bin noch immer weit davon entfernt, irgendwas oder irgendwen auch nur ansatzweise zu retten. Deshalb versuche ich etwas von dem, was ich zwischen September 2007 und Februar 2008 in Mato Grosso, wo ich zur Feldforschung für meine Diplomarbeit war, gesehen und gehört und gespürt habe, aufzuschreiben.
Vielleicht hilft das ein bisschen.

Der Bundesstaat Mato Grosso, im Westen Brasiliens gelegen, ist etwas größer als Deutschland, hat aber nur an die 2, 5 Millionen Einwohner, von denen sich rund eine Million in der Hauptstadt Cuiabá konzentriert. Mato Grosso bildet zusammen mit acht weiteren Bundesstaaten „Amazônia Legal“: dieser Teil Brasiliens ist der größte soziogeographische Bereich Lateinamerikas, charakterisiert durch eine ungemein artenreiche Vegetation und große Flächen Regenwald.

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Identitätskrisengebiet

„Manche Menschen mögen sagen, dass das Leben eine Bühne ist, aber ich meine, dass die Bühne selbst das Leben ist.“ Pathethisch schwang der Kulturminister Nepals letztes Jahr zum 25-Jahr-Jubiläum der unabhängigen Theatergruppe Aarohan seine Eröffnungsrede. Aarohan bedeutet soviel wie „Aufstieg“. Einen langen, hartnäckigen Aufstieg hat Aarohan tatsächlich hinter sich. Als sich die Gruppe in den 80ern zusammenschloss, hatten Schauspieler in Nepal wenig Ansehen, waren auf einer Stufe mit Prostituierten gesehen. „We wanted to shock the intellectuals!“

„They put up 5 police men here, 5 there, and some over there to see who would come and watch the plays.“ Sunil Pokharel, Leiter der Theatergruppe, zeigt auf die verschiedenen Orte des Theater­geländes, an denen Polizisten positioniert wurden, nachdem die Gruppe im April 2006 aktiv am Jana Andolan 2, der zweiten – aus heutiger Sicht erfolgreichen – Demokratiebewegung in Nepal, teilgenommen hatte. Den Mund mit schwarzem Klebeband zugepickt, hatten sich Mitglieder von Aarohan auf die Straßen gesetzt und so ihren friedlichen Protest gegen die Herrschaft des Königs kundgetan. Als das Militär begann, die Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen, wurden im Zuge dessen auch 8 Mitglieder von Aarohan festgenommen.

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Krawuzikapuzi!

Man soll sich ja für nichts zu erwachsen sein. Auch – oder gerade! – nicht fürs Kasperltheater. Gesagt, getan, ging’s – nicht ins Parlament, wie Sie vielleicht jetzt denken – nein, tatsächlich in das Urania Puppentheater. Inszeniert wurde dort die Premiere von „Dagobert Superstar“, dem aktuellen Schwank vom seit 1949 aktiven Gespann „Kasperl und Pezi“. Ein Erlebnisbericht.

Der Gong ertönt, und wir finden uns im Saal ein, wo wir doch mehr (vermeintlich) Erwachsene als gedacht vorfinden – jedoch wohl großteils als Begleitung von Sprösslingen, die es kaum erwarten können, bis der Kasperl endlich die heiß ersehnte Frage „Seid ihr alle daaaaaaaaa?“ in den Raum stellt. Ein kurzer Ansatz zur Reflexion meinerseits darüber, dass diese Frage sich im Moment des Stellens von selbst beantwortet, sofern nicht … dann war Schluss mit lustig. Ca. 100 Knirpse brüllen sich die Seele aus dem Leib, schreien wie am Spieß „JAAAAAAAAAA!!!“, dann noch lauter, nachdem der Kasperl seine Schwerhörigkeit (gut, hat immerhin auch schon 59 Jahre am Buckel) kundtut. Was bleibt einem da noch übrig, als MitläuferIn zu spielen – hier geben die Kinder den Ton an. Das wilde, unkontrollierte, noch von jeglicher gesellschaftlicher Sittlichkeit befreite Toben klingt kurz ab, als der zweite Hauptdarsteller, in Gestalt des Pezibären, die Bühne betritt, und ein Sprücherl klopft, das in mir Erinnerungen wachrufen kann: „Pezilein, der kleine Wicht, fehlt auch heute wieder nicht. Und schickt jedem, groß und klein, viele, viele Bussilein!“ Einziger Wermutstropfen: Fast alle konnten den Text mitsprechen, nur ich nicht. Seufz.

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Theaterpädagogik – die spielerische Reise zum (unerforschten) Selbst

Wir erfinden uns ständig neu, wir passen uns immer neuen Situationen an und beweisen u.a. durch „lifelong learning“, dass wir uns stets verbreitern (wollen). – Wirklich? Oder sind wir nicht vielmehr phlegmatische Gewohnheitstiere, die es sich in vorgefundenen Strukturen so gut es geht einrichten, Widerstände scheuen und allenfalls mit den Rollenerwartungen unserer Umwelt geschickt jonglieren – und uns selbst völlig außer Acht lassen?

Kontrastreicher und unzureichender könnte man die menschliche Spezies wohl nicht fassen, wir sind weder weiß noch schwarz, sondern ein (grauslich) graues Volk(?) – Widerlegung erwünscht! Die leuchtende jeweils wechselnde individuelle Handhabung der – und Beziehung zur – Welt ist uns abhanden gekommen. Wir sind entweder (ideologisch eindimensional) erstarrt, chamäleonesk oder uneigentlich in unserem Sein – so zumindest der (nicht unbegründete) Verdacht der Theaterpädagogen.

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Würfel, Chips, Sitzfleisch und Elfen

rollenspielbildDie meisten Menschen werden irgendwann erwachsen, die wenigsten hören auf zu spielen. Warum auch? Es macht Spaß. Aber gerade deshalb tragen Spiele stets einen kindlichen Hauch mit sich, dabei ist die Grenze zwischen „Spiel“ und „Ernst“ eine verschwommene, ja vielleicht sowieso nur Einbildung oder sozialkulturelles Diktat unserer Vorfahren. Zum Spielen braucht man Fantasie, vor allem für die Königsklasse, die Rollenspiele. Und manchmal gibt es nichts Schöneres als für ein paar Stunden eine andere Person zu sein, wenn auch nur im Geiste. Aber was nun, worum geht’s hier eigentlich genau? Gönnen wir uns doch einen kleinen Blick in die Welt der Pen & Paper Games.

Erklär mal deinem Schwiegervater (Erstprofession: Postbeamter, Zweitprofession: Schmetterlingspräparator) was ein Tisch-Rollenspiel ist und zwar möglichst so, dass er sich danach nicht Sorgen um seine Tochter macht, weil er sie an einen realitätsfremden, verspielten Wahnsinnigen verloren hat. Erklär ihm mal, dass du in die Rolle eines Zwerges schlüpfst und diese für bis zu 12 Stunden (möglichst) nicht mehr verlässt, dass es einen Spielleiter gibt aber keinerlei Spielplan, Figuren oder Ähnliches. „Und der Spielleiter sagt euch, was ihr zu tun habt?“

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„Jenseits von Theben“ – Archäologie lebt ...

Spielefreaks aufgepasst! Wer von klassischen Würfelspielen sowie drögen, auf reine Geldmaximierung ausgerichteten Spielen genug hat und sich zudem ärgert, dass man immer warten muss, bis eine ganze Runde zu Ende ist, bevor man selbst wieder an der Reihe ist, der wird „Jenseits von Theben“ lieben. Warum?

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„Carcassonne“ – Enthusiasten : Ästheten oder Bösewichter

Wer ein Fan des „Spiel des Jahres 2001“ (Spieleautor: Klaus-Jürgen Wrede) ist, hat entweder viel Freude daran aus kleinen anzulegenden Kärtchen mit Wiesen-, Burg-, Kloster- und Straßensymbolen eine schöne Spielfläche zu gestalten oder mittels der diversen Spielfiguren eigentlich gegnerische Gebiete unter die eigene Kontrolle zu bringen.

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„St. Petersburg“: Handwerker kaufen, Gebäude bauen und Adelige bestechen …

2004 war „St. Petersburg“ für das „Spiel des Jahres“ nominiert und konnte sich (leider) nicht gegen „Villa Paletti“ durchsetzen – der „Deutsche Spielepreis“ und der „Preis der Wiener Spiele Akademie“ war dem Wurf von Michael Tummelhofer jedoch vergönnt.

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Tor! … äh, Matt, meinte ich

Baggers neue Schachecke

bild1Vor etwa achtzig Jahren, sagt die Anekdote, betrat der Großmeister S. Tartakower einen Londoner Schachclub und wettete, er habe eine Schachaufgabe parat, die niemand lösen könne: Position wie in Bild 1, Weiß zieht und setzt in einem Zug matt. – Geht nicht, oder? Nachdem alle bezahlt hatten, verriet er den Trick: Weiß zieht den Bauern auf b8 und verwandelt ihn in einen schwarzen Springer. Daß nämlich das Endprodukt einer Bauernverwandlung dieselbe Farbe haben muß wie der Bauer vorher, stand damals noch nicht in den Schachregeln. Anschließend wurde es (zweifellos von den beleidigten Clubkollegen) hineingeschrieben, um peinliche Momente bei Turnieren zu vermeiden; und das war bis dato die letzte Regeländerung in der Geschichte des Schachspiels.

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