#6 - Spiel, Mai 08

SpielSpiel ist das Thema dieser Ausgabe. Aus verschiedensten Gründen.

Erstens aus naheliegenden wie den bevorstehenden Großereignissen wie Fußball-EM und Olympische Spiele, andererseits aus subtileren, die wohl jeder und jede selbst erlesen muss.

Das Autoren-Dilemma

Warum es besser ist, keinen Spieltheorieartikel zu schreiben

Bei dem Wort Spieltheorie denkt man unwillkürlich an das Gefangenendilemma, eventuell an das Nash-Gleichgewicht (dessen Erfinder bekanntlich zu zweifelhaftem Hollywood-Ruhm gelangte), da es kaum mehr dazu zu sagen gibt, müsste man diese also beschreiben, wenn man sich dazu entschlösse, einen Artikel über Spieltheorie zu schreiben. Einer der Grundzüge der Spieltheorie besteht aber darin, sich zuerst über mögliche Ausgänge eines Spieles den Kopf zu zerbrechen und das Gleichgewicht schon in der Simulation zu finden, statt sich plötzlich inmitten eines Dilemmas wiederzufinden und festzustellen, dass man die dominierte Strategie gewählt hat und ohne Gewinn nach Hause gehen wird müssen.
Als versierte Spieltheoretiker müssen wir daher zunächst prüfen, ob ein solches Gleichgewicht überhaupt vorhanden ist, bzw. welches die beste Wahl einer Strategie im Spiel „Spieltheorieartikel für den Bagger“ darstellt.

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Nur ein Spiel?

Spiele sind wiederholbar, zeitlich begrenzt und unterliegen willkürlichen Regelungen. Man sagt, ein Spiel sei eben „nur ein Spiel“ und nicht Teil der „eigentlichen“ Lebensrealität. Dieser Artikel soll jedoch das Gegenteil zeigen – die zentrale Bedeutung des Spielens für unsere Auffassung der Wirklichkeit.

17. Juni 2007, 8:16 Uhr morgens. Im tschechischen Pendant zum „Wetterpanorama“ sehen verdutzte FernseherInnen plötzlich einen Atompilz in der Landschaft aufsteigen. Aber das geschah nicht wirklich – es stellte sich bekanntlich als eine Aktion der Künstlergruppe „ztohoven“ heraus. Was in unserer Welt überhaupt wirklich ist oder nicht, darüber scheiden sich die Geister. Man kann über verschiedenste philosophische Ansichten diskutieren, oder diese Debatte überhaupt für sinnlos (äh, nicht zielführend) halten, das überlasse ich jedenfalls anderen (bitte, gern geschehen!). Aus Platzgründen bleibt mir hier nur, meine Position begründungsarm anzuführen: Unsere Auffassung der Wirklichkeit ist subjektiv, sie ist jedoch kommunizierbar (also inter-subjektiv). Wir sehen nämlich die Lebenswelt nicht, wie sie ist, sondern so wie wir sie subjektiv wahrnehmen – jeder also in anderer Art und Weise, da jede Wahrnehmung selbst wieder von bestimmten Bedingungen abhängig ist (so legen etwa bestehende Meinungen über Dinge, Personen usw. im Vorhinein fest, wie wir solche wahrnehmen).

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Aus Liebe zum Spiel

DekolletéDie Liebe und das Spiel sind auf so vielschichtigen Ebenen miteinander verbandelt, dass man nicht recht weiß, wo anfangen.
Schließt Glück in dem einen selbiges im anderen auf sprichwörtlicher Ebene sogar aus, so vertritt Schlagerstar Connie Francis eine andere Ansicht: die Liebe ist nämlich selbst irgendwie ein Spiel, wenn auch ein seltsames (aus unerfindlichen Gründen kommt und geht sie von einem zum andern …). Lassen wir uns auf die Herz-Schmerz-Ebene nun gar nicht erst ein, so wird recht schnell klar, warum die Liebe ein so unstetes Wesen zeigt.

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Das bisschen Dekadenz wird uns nicht schaden: JA, PANIK

Ja, Panik ist zur Zeit vielleicht die zwingendste Band des Landes und das nicht ohne Grund: auf ihrem Zweitlingswerk The Taste And The Money (Schönwetter 2007) demonstrieren sie neben musikalischen Qualitäten (die Platte knallt!) auch inhaltliche Grösse (die Platte trifft!). Grund genug, sich den Texter, Gitarristen und Sänger Andreas Spechtl mal genauer vorzunehmen. Ende Februar hat die Kapelle ein sensationelles Auswärtsgastspiel im Berliner Bang-Bang-Club gegeben und im Anschluss wurde ein bierseliges Gespräch mitgeschnitten. Es ging dabei in erster Linie um inhaltliche Fragezeichen/Details – das mag mitunter wie penetrante Klugscheißerei wirken und auch so manche(n) verschrecken. Gut so.

„Die erste Ja, Panik Platte war ein Experiment und ein Austesten an sich selbst, die zweite war eigentlich von vorn herein viel durchgeplanter. Die Platte ist fast ein Konzeptalbum.“ Nicht nur gibt es retrospektiv ein Programm zur Platte (bei den Konzerten als charmante Reclam-Imitation zu erwerben), sondern auch in sich ruht die Platte in ihrer allgegenwärtigen Unruhe. Es geht um Selbstzerfleischung, Wut und Orientierungslosigkeit aber auch um Euphorie, Fremd- und Eigenliebe – vorgetragen mit großem Pathos und relativiert mit maximaler Wurstigkeit. Ein Thema, das Spechtl besonders belastet, ist der latente Sexismus, dem man sich im Rahmen einer Mann-schaft auch dann nur sehr schwer entziehen kann, wenn man lautstark dagegen revoltiert: „Unsere Existenz als Jungsband ist ja fast ein Hilfeschrei. Weil eigentlich sind wir ja auch nur das, was wir kritisieren. Wir sind halt auch nur eine Jungsband. Im Endeffekt: warum reißen wir großartig die Gosch’n auf? Wir sind ja eh genauso (…) und es ist einfach eine schreckliche Erkenntnis, wie es ist, wenn auf einmal eine Frau dabei ist, wie sich das Verhalten von jedem ändert.“

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Neuschnee – Wegweiser (Problembär)

Ich habe Neuschnee im Sommer 2006 zum ersten Mal im besetzten Haus in der Gumpendorferstrasse gehört und mich augenblicklich in die Band verliebt. Dabei sind Neuschnee eine Band, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit ihrer betont uncoolen Mischung aus Rock, Pop, Klassik und Tondichtung passen sie nicht so recht in diese Zeit und in diese Stadt.

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Börn – Schöne Dinge Einfach / 21 Songs by Börn (Rebeat)

Bernhard „Börn“ Moshammer hat neulich in der Bunkerei einen sehr schönen Rahmen gefunden, sein bereits im Vorjahr erschienenes Doppelalbum einem größeren Publikum zu präsentieren und ich war sichtlich nicht der einzige, dem der Abend ein Aha-Erlebnis beschert hat.

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Paper Bird – Cryptozoology (Sea You Records)

Kryptozoologie ist die Beschäftigung mit ausgestorbenen bzw. mythischen Tieren und bewegt sich damit zwischen Wissenschaft und Phantasie. Ähnlich ist es mit Anna „Paper Bird“ Kohlweis, die sich mit kindlicher* Verspieltheit* über die große Dramatik hermacht. Schon auf ihrem Debut Peninsula hat sie eindrucksvoll bewiesen, was man mit ein paar Knopfmikrophonen auf Balkonen und in Schlafzimmern einen großartigen Tonträger basteln kann und jetzt holt sie noch etwas weiter aus. Cryptozoology ist ein gutes Stück dichter als der Vorgänger, textlich und musikalisch konzentrierter aber dennoch hat sie sich ihre naive* Herangehensweise bewahrt und schichtet Instrumente zu unerhört bezaubernden Klangkollagen. Aber nicht nur das: Anna Kohlweis ist nicht nur eine faszinierende Musikerin mit einer wunderschönen Gesangsstimme sondern auch eine hierzulande unerreichte Poetin und sehr, sehr klug. “None of the above”. So ist das. Super.
www.myspace.com/paperbird

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* Ja, das sind Komplimente. Es liegt nicht an mir, dass diese Worte in Verruf gekommen sind. Abgebrühte, mit-allen-Wassern-gewaschene Lieder gibt es ohnehin wie Sand am Meer...

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Screena – Screena (LiMuPic Records)

Was haben wir denn hier? Eine kleine silberne Scheibe. Ein Deko-Artikel? Riesenohrringe für Krocha-Ladys? Nein! Ein kleiner Silberling, dessen Bestimmung es scheinbar ist, in ein passendes Gegenstück gelegt zu werden. Was könnte dies nur sein?

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Spiel mir das Lied vom Tod

Ein Spiel mit dem Tod ist dieser Film allemal. Mit dem Western hat er dennoch wenig zu tun. Viel eher mit dem Manierismus, einer Stilepoche zwischen Hochrenaissance und Frühbarock, jenem Übergang vom Streben nach Vollkommenheit und Harmonie zu barocker Üppigkeit. Manieristische Vorlieben finden im Regisseur Peter Greenaway ihre Entsprechung: Überraschungen, Widersprüchlichkeiten, Skurrilitäten und Groteskes. Allem voran aber die Allegorien, als ein „etwas anderes Sagen“. Der Film „Drowning by Numbers“ („Verschwörung der Frauen“, 1988, GB) ist voll von diesen. Bedeutungsgeladene Darstellungen, intellektuelle Spielereien und Anspielungen – ein Rätsel nach dem anderen, das entschlüsselt werden will. Oder aber man lehnt sich einfach zurück und frönt dem Schauspiel:

Der Sternenhimmel. Darunter ein seilhüpfendes Mädchen mit auftoupiertem, langem Haar und barockem Kleid – die lebendig gewordene Figur von Velázquez’ Malerei der Infantin Margaretha Theresa nämlich. Das Mädchen blickt in den Himmel, zählt laut die Sterne: „Eins – Antares, zwei – Capella, drei – Canopus …“. Bei „Hundert – Elektra“ hört es auf. „Wieso zählst du nur hundert?“ fragt eine vorbeikommende Frau. „Hundert sind genug. Wenn man bis Hundert gezählt hat, sind alle anderen Hundert gleich.“
Die Frau, Cissie Collpits, geht weiter durch die Nacht, am Weg nach Hause, vorbei an einem Baum, der in weißer Farbe die Nummer Eins trägt. Nummer Zwei ist an einer Badewanne angebracht, in der sich gerade ihr Mann, der Gärtner Jake, mit einer anderen Frau vergnügt. In der nächsten Szene wird Cissie ihn darin ertränken.

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