Ich mag Hans Unstern. Sehr. "Kratz dich raus" und "the great hans unstern swindle" sind zwei der bemerkenswertesten Alben, die in den letzten Jahren erschienen sind - textlich, musikalisch und konzeptuell. Deshalb dieses Interview.
Du singst auf deiner neuen Platte, du hättest alles getan, um den Leuten nicht zu gefallen? Zwar deckt sich deine Definition von Popsong nicht mit der der meisten Menschen, aber ein sehr ausgeprägter Sinn für Ästhetik durchzieht soundtechnisch, visuell und was das Konzept auf der Bühne betrifft dein ganzes Werk. Du gefällst also schon, bloß suchst du dir dein Publikum sehr genau aus. Willst du bei den Zuhörern und Zuhörerinnen irgendetwas Spezifisches bewirken?
David Kleinl ist vielen als Sänger des Neo-Schlager-Duos Tanz Baby! ein Begriff. Weniger bekannt ist seine hundsgemeine Art-Noise-Combo Charmant Rouge.
Eisenstadt 1993. Der 15-jährige David Kleinl beginnt im Freundeskreis (mit Robert „Pinzo“ Pinzolits und Thomas „Kantine“ Pronai, mit denen er noch heute in Charmant Rouge ist) mit Grunge zu experimentieren. Wie für die meisten Bands dieser Zeit sind Nirvana auch für sie zunächst stilprägend. Beeindruckt hat die Teenager dabei in erster Linie die Punk-Attitude: Musik machen, ohne es notwendigerweise zu können. Sie spielen sporadisch Konzerte und überschätzen sich nach eigenen Angaben maßlos, aber ein Anfang ist gemacht.
„Ich hab eine irrsinnige Hassliebe zum Wienerlied.“ Der lange Weg und die vielen Umwege der vielleicht interessantesten Band des Landes.
Als die Strottern 1998 ihr Debutalbum veröffentlichen, wissen sie eigentlich noch gar nicht so genau, was sie da machen. Sie sind zu der Zeit hauptsächlich in der Popband Stringbeans aktiv, die sich kurz vor Albumveröffentlichung in Merkes (2002) umbenennt – und kurz danach auflöst. Zu Recht. Ich hab versucht, das Album durchzuhören, hab es dann aber nicht geschafft und nur ganz grob drüber geskippt. Der Ball kommt flach … Servus Gschäft!
Politisch korrekt scheißen gehen mit Earl Sweatshirt
„Tell your bitch to stop complaining bout that aching tits – a body is a temple? I don’t give a fuck, I’m atheist“. Das ist eine Zeile von Earl Sweatshirt auf dem „Radical“-Mixtape von Odd Future bzw. OFWGKTA, einem Hiphop-Kollektiv aus Los Angeles. Die Herrschaften sind sehr unterschiedlich talentiert. Von Tyler the Creator (siehe Rezension unten) wird man noch sehr viel hören. Von Hodgy und Domo vielleicht auch. Von den anderen eher nicht. Thebe „Earl“ Kgositsile ist bis auf weiteres unter Hausarrest oder auch in einem Bootcamp oder auch seit Monaten auf Samoa. Da kursieren im Internet die unterschiedlichsten Gerüchte. Jedenfalls macht er zur Zeit keine Musik und ist auch auf den Live-Auftritten seiner Crew nicht dabei.
Warum Schlecht diesmal ausnahmsweise vorübergehend wirklich das neue Gut ist. Oder: Wie sich Pop an sich selbst kalibriert.
Das HGichT Konzert hat mich meinen Lieblingspullover gekostet, aber das macht nix. Es ist ja schon einiges geschrieben worden, über die Band, und noch mehr wurde gelabert. Die einen lehnen die Band rundheraus ab, und die anderen lassen sich hinreißen zu hymnischem Geschreibsel, das den „Kunstdiskurs“ um eine weitere Facette „bereichert“.
Ich möchte mich keiner der beiden Seiten zuordnen und dennoch schreiben, warum ich diese Band (neben anderen Spinnern, wie zum Beispiel die Antwoord) für relevant halte. Über die musikalischen Qualitäten braucht dabei freilich nicht viel gesagt zu werden, und der Text ist nur in sehr wenigen Fällen ausgereifter. Was aber eben gerade deshalb interessant ist, ist die totale Reduktion auf eine Haltung, die – noch dazu – über weite Strecken unhaltbar ist. Das Vakuum als Unterhaltung. Und ob das geht!
Garish haben Anfang des Jahres mit Wenn dir das meine Liebe nicht beweist das zwingendste und zugleich intimste Album der jüngeren österreichischen Musikgeschichte veröffentlicht. Ich treffe Thomas Jarmer (Gesang, Akkordeon) und Julian Schneeberger (Gitarre) am 6. August 2010 im Kulturcafe des Funkhauses in der Argentinierstr. 30a zu einem sehr entspannten Gespräch über Pathos, Affekt, Ironie, Hype, Penetranz, Wehleidigkeit, Geld, Nischen, Schöngeisterei, Hassliebe, die Amadeus Awards und die österreichische Musiklandschaft im Allgemeinen. Ein Lehrstück.
Das Wort „Beweis“ kommt in zwei der Schlüsselstücke des neuen Albums im Titel vor. Generell wirken die Texte etwas resoluter. Kann man „das Demonstrative“ als den roten Faden der Platte sehen, oder wie seid ihr an das Material herangegangen?
Als mir vor ein paar Wochen – leider viel zu spät – „they should have told us“ (2008) von Ginga in die Hände gefallen ist, wurde mein musikalischer Begriff von „Wien“ einer gründlichen Revision unterzogen. Ich dachte eigentlich, ich kenne die „Stadt der Musik“. Ich kenne die Gesichter und die Geschichten dazu und die Lokale, in denen sie sich abgespielt haben. Alle? Nicht ganz! Es gibt da dieses gallische Dorf, das sich nicht in „die Szene“ einverleibt hat. Nicht mal aus Trotz, sondern schlicht, weil sie sich auf die Musik konzentriert haben und keine Lust hatten, mit den üblichen Verdächtigen abzuhängen, nur um im Gespräch zu bleiben. Dazu später noch.
Am 6. Juni 2009 gaben Kante im Rahmen der Wiener Festwochen ein umjubeltes Konzert in einem Innenhof „Am Schöpfwerk“, einem der berühmtberüchtigsten Sozialbauten Wiens. Im Anschluß hab ich mit Peter Thiessen ein wenig über seine Kapelle – die ich spätestens seit „Zombi“ (2004) für eine der besten der Welt halte – über die Musikmacherei sinniert.
Als Einsteig bietet sich natürlich der Rahmen an: die Wiener Festwochen. Diese Frage nach den Hochkultur-Bestrebungen vieler zeitgenössischer Rockformationen mag er nicht so recht. Er sieht da keine grundsätzlichen Barrieren, jedenfalls keine grundlegenden künstlerischen Differenzen.
David Hebenstreit ist ein Genie. Das wissen zwar nur wenige, aber das ändert nichts daran.
Voriges Jahr schon hatte er die Veröffentlichung seines Zweitlingswerks angekündigt, aber dann doch nur ein paar Songs ausgekoppelt, um sie auf eine Vinyl-EP zu pressen. Am 6. Mai 2009 aber war es endlich so weit: „Escaping Dystopia“ wurde – samt bezaubernden Visuals, Videos und Pyrotechnik – im Rhiz präsentiert. Ein Album, das keine Fragen offen läßt, aber auch nicht die Absicht hat, einen mit einfachen Antworten abzuspeisen.
Surrogat haben Anfang dieses Jahrzehnts polarisiert wie keine andere Band im deutschsprachigen Raum. Ihre Musik war und ist ruppig und kompromisslos, schont weder Publikum noch Produzenten. Selten war Rock so direkt, schnörkellos auf den Punkt und ohne Vorbehalte selbstherrlich. Die Zeit der Raunzerei war kurzfristig vorbei, aber das hatte auch seinen Preis: Diese Kompromisslosigkeit und ihre unkorrumpierbare Haltung im Allgemeinen wurden der Band nämlich – jedenfalls kommerziell – zum Verhängnis. Ich habe mit dem Frontmann Patrick Wagner, der mittlerweile die Seite gewechselt hat und nach Kitty-Yo seine zweite Plattenfirma Louisville Records führt, in den letzten Monaten sporadisch gemailt. Der vorläufige Höhepunkt dieses Briefwechsels wird nun hier abgedruckt: