#8 - Lüge, Dez 08

Lüge Elvis lebt, die Außerirdischen sind unter uns, die Mondlandung war nur gestellt und der Weltuntergang naht. Was aber der Bagger im Winter zu bieten hat, übertrifft das alles bei Weitem. Halten Sie sich fest, denn auf den kommenden Seiten erwarten Sie Exklusivberichte über handfeste Skandale und unvorstellbare Tragödien, so wie sie die Welt noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Wer’s glaubt, wird selig? Das wohl, und wer’s nicht glaubt, erahnt womöglich schon das kurzbeinige Thema dieser Ausgabe: nämlich WAHRHEIT. Dieser fühlt sich der Bagger besonders verpflichtet, weshalb er unermüdlich gräbt, um sie ans Licht zu bringen. Erfahren Sie die ganze Wahrheit über einen spektakulären Grabraub, über seit Längerem oder Kürzerem ausgediente PolitikerInnen, über die waschechten Tagebücher Hitlers, über die wahren Hintergründe wissenschaftlichen Forschens sowie über die erwiesene Existenz des Allmächtigen. In diesem Unsinne: Viel Vergnügen beim Entenjagen und Graben nach verschütteten Grubenhunden!

Die rettende Lüge der Poesie

Es ist ein Weilchen her, seitdem „Späte Spiele“ von Luis Landero das erste Mal auf Deutsch erschienen ist. 1995 wurde dieses unglaubliche Buch bei Fischer Taschenbuch verlegt, und es ist wahrlich nicht übertrieben formuliert, wenn man diese 492 Seiten unfassbar klug und großartig nennt. Erfundene Prosa der allerfeinsten Sorte wird einem in einer Sprache präsentiert, die in langen Sätzen einen Gedanken nach dem anderen labyrinthisch zu erzählen vermag.

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Lukian von Samosata: Wahre Geschichten

Lukian„Wer aber nicht glaubt, daß es sich wirklich so verhält – wenn er eines Tages selbst hinkommt, wird er merken, daß ich die Wahrheit sage.“

Jules Verne? Douglas Adams? Michael Ende? Lewis Carroll, L. Frank Baum und die ganze SciFi- und Fantasy-Clique der letzten paar Jahre? Alles Nachmacher. Das Original, dem sie alle Tantiemen zahlen sollten, ist Lukian (geboren ca. 120 n. Chr. im heute türkischen Samsat, das er selbst Samosata nennt) mit seinen Wahren Geschichten. Er war lang vor Dante im Paradies und in der Hölle, und im gar nicht so unwohnlichen Bauch eines Riesenwalfischs hat er länger überlebt als Pinocchio. Andere waren nur auf dem Mond: Lukian hat die Zivilisationen auf Sonne und Mond erkundet, Pläne für die Besiedlung des Morgensterns mitbesprochen und ein vom Schützen (dem Sternbild!) befehligtes Heer aufmarschieren gesehen. Sagt er jedenfalls.

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Brad sucks – Out of it

out of it Mit seinem Vorgängeralbum I Don’t Know What I’m Doing konnte sich der Kanadier Brad Turcotte alias Brad sucks als einer der erfolgreichsten unabhängigen Künstler im Netz etablieren. Er ist einer der Ersten, die sich über Tastatur-zu-Tastatur-Propaganda eine Existenz als Musiker aufzubauen vermochten. Diesen Herbst ist nun, nach zwei Community-Remixes des Erstwerks, der Nachfolger mit dem Titel Out of it erschienen.

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Der Elegante Rest – Warten auf das Ende der Welt (Palmo)

Warten auf das Ende der Welt Jörg Wolschina ist ein komischer Kauz. In vielerlei Hinsicht ist er eine Synthese diverser totgeglaubter Figuren: Da haben wir den Minnesänger, der allabendlich zu seiner Holden am Balkon des Elfenbeinturms hinaufträllert, einen pseudo-aristokratischen Dandy, der in einer Mischung aus Selbstverliebtheit und Auto-Aggression den totalen Krieg mit sich selbst inszeniert, den „Ritter im Plattenbau“, von dem er selbst singt, und einen Dichter, der in fremden Zungen spricht und Bilder wachruft, an denen man nicht vorbei kommt – gerade weil man sie nicht immer versteht.

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hier & jetzt: patrick wagner (surrogat, kitty yo, louisville)

Patrick Wagner im Interview.

Surrogat haben Anfang dieses Jahrzehnts polarisiert wie keine andere Band im deutschsprachigen Raum. Ihre Musik war und ist ruppig und kompromisslos, schont weder Publikum noch Produzenten. Selten war Rock so direkt, schnörkellos auf den Punkt und ohne Vorbehalte selbstherrlich. Die Zeit der Raunzerei war kurzfristig vorbei, aber das hatte auch seinen Preis: Diese Kompromisslosigkeit und ihre unkorrumpierbare Haltung im Allgemeinen wurden der Band nämlich – jedenfalls kommerziell – zum Verhängnis. Ich habe mit dem Frontmann Patrick Wagner, der mittlerweile die Seite gewechselt hat und nach Kitty-Yo seine zweite Plattenfirma Louisville Records führt, in den letzten Monaten sporadisch gemailt. Der vorläufige Höhepunkt dieses Briefwechsels wird nun hier abgedruckt:

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Zwischenwelten

10 Gebote – 10 Filme: Ende der 80er-Jahre hat der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski den Dekalog verfilmt. Film Nummer acht ist ein kurzer Film über die Lüge.

Das Bild in Zofias Wohnung hängt schief. Sie richtet es zurecht, dreht die Landschaftsmalerei im goldenen Rahmen, bis sie waagrecht an der Wand hängt. Immer wieder, denn kaum hat sie sich umgedreht, einige Schritte entfernt, verrät ein Geräusch das Zurückrutschen des Bildes. In Zofias Leben gibt es einiges, das sich partout nicht zurechtrücken lässt und sie immer wieder aus dem Lot bringt. Und das, obwohl oder gerade weil sie Ethikprofessorin an der Universität Warschau ist. Eigentlich sollte sie genau Bescheid wissen über „richtiges“ Verhalten und „unrichtiges“. Aber haben nicht auch EthikprofessorInnen das Recht darauf, Unrecht zu begehen, manchmal schief zu liegen?

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Das schottische Stück

Als letztes Stück im Shakespeare-Zyklus des Burgtheaters hat unter der Regie von Stephan Kimmig am 19. Dezember Shakespeares Macbeth im Akademietheater Premiere.
Der Regisseur hat an vielen wichtigen und großen Bühnen in Holland, Belgien und dem deutschsprachigen Raum inszeniert, versteht sich folglich gut darauf, Geld auszugeben.

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Die Reifeprüfung

Die bahnbrechenden Zeiten des Volkstheaters in den frühen 1970er-Jahren unter der Leitung Gustav Mankers, geprägt von der Entdeckung zeitgenössischer österreichischer Dramatik, sind lang vergessen. Heutzutage wird hauptsächlich versucht, mittels halbgegorenen Boulevardstücken dem Theater in der Josefstadt und dessen Nerz- und Mottenkugeldichte Konkurrenz zu machen.

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Sechshundertsechsundsechzig

4.793.665, 4.793.666,…
Bei solchen Zahlenungetümen können die Schafe nur noch in Zeitlupe über den Zaun springen, wenn er sich verzählt, müssen sie wieder zurückhüpfen, verkehrt und mit dem Hintern voran.
Verdammt, verflucht, wo war ich denn jetzt?
Er versucht an was andres Einschläferndes zu denken, doch das Einzige, das ihm einfallen will, ist seine Großmutter, wie sie ihm, während er in ihrem Schoß liegt, grob in den Haaren herumzupft. Er grummelt, tastet im Dunkeln zum Lichtschalter, erwischt dabei das Glas auf dem Nachttisch.
Herrgottnocheinmal.

Licht an, Schlafbrille hoch. Blutunterlaufene Augen blinzeln verärgert in den grimmigen Schein der Nachttischlampe. Alles voll Bloody Mary, seinem SchlaftrunkErstmal ein Schluck Absinth aus dem Flachmann, bevor er die paradeisige Ferkelei aufwischt, dann greift er zur Nachtlektüre, Rushdies „Satanische Verse“, mit fünfzackigem Pappstern als Lesezeichen auf Seite 429. Auf Seite 666 ist er genauso wach wie davor. Er stöhnt, versucht es nun mit autogenem Training. Also, Licht aus, Schlafbrille auf und schon wird der rechte Arm ganz schwer …
Im Moment tiefster Entspannung geht sein Radiowecker an, eine plärrende Black Metal Grunzstimme jagt ihn aus dem Bett. Der Gehörnte, dem nicht die Frau, sondern der Schlaf fremdgeht, humpelt ins Bad. Zähneputzen. Wie das Pendel eines einschläfernden Hypnotiseurs baumelt ihm sein Schlafmützenzipfel vor der krummen Adlernase. Ein hässliches Gesicht, das ihn da im Spiegel angurgelt, eine richtige Krampusfratze. Von dämonischem Funkeln in seinen Augen keine Spur, nur nervöses Zucken und Zwinkern über geschwollenen Tränensäcken. Den widerlichen Körpergeruch muss er mit noch viel widerlicheren Duftwässerchen übertünchen. Heute lieber nicht duschen, gestern hat er sich den Schwanz in der Duschtür eingezwickt, der tut ihm jetzt noch höllisch weh. Apropos „höllisch“, die Arbeit wartet schon.
Zum Teufel mit ihr!
Andere würden sich freuen über eine Stellung in seiner Position – eine richtige Führungsposition. Leiter einer Art Internierungslager unter tropisch-heißen Arbeitsbedingungen. Bei der Hitze kann ja keiner mehr klar denken. Und erst der Gestank. Das zehrt an der Substanz.
Sein zweites Standbein, das weniger stark behaarte, ist ihm noch mehr verhasst. Als Vertreter muss er Menschen tagtäglich mit diabolischen Lügengeschichten verführen und ihnen Verträge aufschwatzen, die ein späteres Wiedersehen, also noch mehr Arbeit garantieren. Zwischen seinen Terminen bleibt meist nur kurz Zeit, den Sodbrand in seinem Magen anzufachen:
Einmal Kebab mit Scharf, teuflisch scharf, bitte.
Erst spät des Nächtens hinkt er dann jedes Mal wieder nachhause, in der Regel völlig abgespannt, der arme Teufel. Nein, das will er heute alles nicht. Also lieber zurück ins Bett, Schlafbrille auf, Decke zwischen die Beine. Eine neue Runde schlafloses Grübeln und stundenlanges Herumwälzen. Wieder mal 24 Stunden hellwach. Genauso wie gestern und vorgestern, die letzten Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte davor.
Denn es stimmt wirklich:
Der Teufel schläft nie.
(Nicht einmal der Bagger als Nachtlektüre kann ihm helfen).

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Photoserie: Lüge

Die Fotoserie Lüge der achten Ausgabe des Baggers von Estelle Hödl (lichtungen.com), Wien.

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