#10 - Essen, Jun 09
Dies ist die 10. Ausgabe des Baggers und sie wartet nur darauf, verschlungen zu werden. Um die enthaltenen Leckerbissen besonders schmackhaft zu machen, haben wir uns etwas Spezielles überlegt und unsere erste durchgehend farbige Papierbaumaschine produziert. Entsprechend bunt gestaltet sich dann auch der Inhalt: Angefangen von der kulinarischen Kulturdebatte und der Behandlung der Konsumproblematik, über Essen, das anders ist, aussieht oder schmeckt als es sollte, über Essen in dünner Luft bis hin zur Lösung der Hungerproblematik haben wir einen ausgewogenen Lektüremenüplan zusammengestellt und mit geschmackssicher ausgewählten Kulturhäppchen verfeinert.

Also, das mit den Kindern in Afrika, das ist schon ziemlich übel. Dass die nichts zu essen bekommen, das kann ich gar nicht verstehen. Ich mein, bei uns reden ja alle von Wirtschaftskrise und so, da geht’s halt um ein paar Jobs, aber dort unten gibt’s ja nicht mal was zu essen. Ist ja logisch, dass die dann alle zu Piraten werden, da brauchen sich die blöden Amerikaner gar nicht aufregen, find ich. Naja, andererseits sind die irgendwie auch selber Schuld. Sollen sich halt ein bissl zammreißen und nicht so viele Kinder auf die Welt bringen, die dann im Endeffekt draufzahlen müssen.
Frühmorgens, an einem Wiener Würschtlstand an der Ringstraße. Wenig los. Neben dem Wurschthüttenangestellten ist nur ein am Tresen dösender Sandler anwesend. Ein Burenhäudl und eine Eitrige schmoren seit Stunden auf dem Grill, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer depressiv aussehenden Bratwurst.
Bisweilen legt uns die Natur Dinge auf den Teller, die zwar wie Essen aussehen, aber zugleich auch wie etwas anderes. Besonders verwirrend, wenn die Nahrung menschliche Züge annimmt. Wer hat noch nie eine Tomate mit Nase gegessen? Am Kiosk kann man Ansichtskarten von Karotten kaufen – Karotten, die männlichen und weiblichen Genitalbereichen ähnlich sehen. Es gibt Kartoffeln mit Brüsten; solche mit Augen sowieso. Und Mitte der 1980er berichtete die Kleine Zeitung von einer Aubergine, die das Gesicht des damals amtierenden Bundeskanzlers Fred Sinowatz trug – zumindest Nase und Backen. Geerntet in einem steirischen Garten. Wäre uns nicht allen manchmal lieber, es säße lauter Obst und Gemüse im Parlament? Allerdings wird das schwierig: was wächst schon im Garten, das der Unterrichtsministerin ähnelt?
